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AUFSÄTZE

Manfred Bosch: „Immer ein Werdender“. Über Robert Reitzel

„In jenen Tagen, als aus dem alten Chaos des europäischen Staatengewimmels eine neue Welt sich emporzuringen schien, trug mich die Mutter unterm Herzen, und Einem, der mit dem Hirne hungernd pflügte, gebar sie mich, einem Schulmeister, der für 200 Gulden das Jahr und ein Deputat von Kartoffeln den harten Köpfen der Schwarzwaldkinder Gottesfurcht und Weisheit einzutrichtern hatte. Anno [18]49, als so viele Ketten sprangen, hab auch ich mir die Revolution aus Mutterleib ans rosige Licht erlaubt, ich bin also ein geborener Revolutionär, mehr noch, meine Abstammung wird mir mein ganzes Leben nachgehen, ich war, bin und werde bleiben ein Proletarier, ein Kind der Armut, ein armer Teufel.“

Schwer zu entscheiden, wo bei dieser Selbstdarstellung anläßlich einer Rede zum amerikanischen Unabhängigkeitstag des Jahres 1885 das Biographische endet und die Selbststilisierung beginnt. Geboren wurde Reitzel am 27. Januar 1849 in Weitenau bei Schopfheim. Das Dorf liegt – um mit den weniger problematischen Aussagen zu beginnen; denn ein Proletarier war Reitzel mitnichten – mitten in jenem überschaubaren Zirkelschlag der südbadischen Revolutionstopographie, der einige der zentralen Daten und Ereignisse der badischen Revolution umgreift: am 20. April 1848 scheiterte der Freischarenzug Friedrich Heckers auf der Scheideck nahe Kandern an der Übermacht preußischer Truppen; eine Woche später wurde den aus Frankreich zusammengezogenen Freiwilligenhaufen Georg Herweghs bei Dossenbach durch gut bewaffnete württembergische Infanteristen dasselbe Schicksal bereitet. Am 21. September rief Gustav Struve in der benachbarten Bezirksstadt Lörrach die Deutsche Republik aus, um drei Tage später in Staufen den Truppen des preußischen Generals von Hoffmann zu unterliegen; am 25. September schließlich wurde der flüchtige Struve in Wehr verhaftet. Allesamt Ereignisse, die in der Bevölkerung höchste Anteilnahme fanden – so auch bei Reitzels Mutter Katharina, die persönliche Kontakte zu Hecker und Herwegh unterhalten haben soll und ihrem flüchtigen Bruder Georg Uehlin, dessen Gasthaus „Krone“ Hauptquartier des Freischarengenerals Sigel gewesen war, in ihrem Hause Unterschlupf bot. Es wurde in der Nacht ihrer Niederkunft von Gendarmen durchsucht, angeblich hatte sie die Aufnahme ihres Bruders gegen die ängstlichen Bedenken und den Willen ihres Mannes durchsetzen müssen; und sie war es auch, die ihren Sohn – zum Andenken an den wenige Wochen zuvor in Wien erschossenen populären Freiheitshelden Robert Blum – auf den Namen Robert taufen ließ. Reitzel gedachte der couragierten und auch gebildeten Frau in seinen Erzählungen und Erinnerungen stets voller Achtung und Liebe; besonders rechnete er es ihr als „unsterbliche Ehre“ an, daß sie ihm neben den bürgerlichen Tugenden, die sich bei ihm freilich nur „in recht verdünnter Dosierung“ fänden, auch den „Freiheitssamen ins Herz“ gepflanzt und „das Feuer des Hasses gegen Lüge und Ungerechtigkeit“ in die Seele gegossen habe.

Neben seiner Mutter, deren Liebe zur Literatur die Phantasie des Knaben mit in Gang gesetzt haben mag, beeinflußte auch das verwandtschaftliche Umfeld den jungen Reitzel – voran Georg Uehlin, dem bald nach der erfolglosen Hausdurchsuchung die Flucht in die Schweiz gelang. Dort eignete sich der gelernte Gerber zusätzlich die Kunst des Buchdrucks an. In die Heimat zurückgekehrt, betrieb er einen Lederhandel, gründete 1864 das Lokalblatt „Der Statthalter von Schopfheim“, aus dem später das noch heute existierende „Markgräfler Tagblatt“ hervorging, und veröffentlichte den Gedichtband „Aus dem Wiesenthale“ (1869) sowie Erzählungen in Mundart. Dieselbe Liebe zur Landschaft zwischen Rhein und südlichem Schwarzwald, die in Reitzels Werk einmal so unübersehbare Spuren hinterlassen sollte, findet sich bereits bei diesem Onkel, dem Heimat als Synonym für die verlorene „Lust der Kinderjahre“ galt und der seiner Heimatverbundenheit durch die Gründung des Oberrheinischen Jahrbuchs „s´Gotte-Stübli“ (1881) Ausdruck gab. Reitzel sprach einmal von dem Stolz, den er fühle, seinen Onkel „als einen der wenigen Achtundvierziger preisen zu hören, welche ihre demokratische Gesinnung nie verleugneten.“

Reitzels Vater Reinhard, ein Dorfschullehrer, stand zu diesem mütterlichen Umfeld in einigem Kontrast. „Mein Vater war kein Fortschrittsmann, und für das Wesen der neuen Zeit, für das Drängen und Sprossen des großen Gedankens, die Gerechtigkeit für das arbeitende Proletariat, fehlte ihm das Verständnis“, urteilte der Sohn in einem Nachruf über seinen Vater, als dieser Ende 1889 mit 77 Jahren gestorben war, und er fuhr fort: „Er wandte sich lieber der Vergangenheit zu. Manche Sage unserer schönen Heimatstäler am Kaiserstuhl oder im Bereich des Feldbergs hat er dem Volk wieder mundgerecht gemacht, und zur Würdigung und Unsterblichkeit des Hebel´schen Geistes hat er sein redlich Teil beigetragen.“ Seine eigenen poetischen Arbeiten, von denen die Gedichtbände „Naturblätter“ (1862) und „Mut und Trost“ (1870) sowie die Erzählung „Bad Sultzburg“ (1878) genannt seien, bezeichnete der Sohn sicher nicht ohne Grund als mittelmäßig. Anders schätzte er den Lehrer ein – hatte er die Mitschüler und -schülerinnen doch immer nur mit Liebe von ihm sprechen hören, und Disziplin habe er stets auf andere Weise als durch körperliche Züchtigung erreicht. „Leider war er in meiner Erziehung (...) mit der Anwendung seines Stockes umso freigebiger (...). Hunderte von Kindern liefen ihm auf der Straße entgegen und hingen sich an ihn an, die Liebe des eigenen Kindes vermochte er sich nicht zu erwerben.“ Vor allem fehlte es dem Vater an Verständnis, als der Adoleszent schwierige Phasen der Selbstfindung durchmachte.

Im Alter von zehn Jahren trat Reitzel in die unterste Klasse des Mannheimer Lyzeums ein; von 1866 an finden wir ihn im Karlsruher Gymnasium. Dort war seit kurzem Gustav Wendt neuer Schulleiter, der nach dem Zeugnis des Karlsruher Dichters Heinrich Vierordt in preußischem Geist aus seiner Schule ein Institut für Philologen und Gelehrte zu machen versuchte. Mochten ihm jüngere Schüler wie Wilhelm Hausenstein oder Willy Andreas später auch Kränze winden – Vierordt zufolge mußte „alles Menschenzeug, das diesem Ziel nicht dienen wollte, (...) hinausgewimmelt werden.“ Dazu gehörte auch Reitzel, der zwei Monate vor dem Abitur relegiert wurde. Der Grund erscheint uns heute läppisch – Reitzel hatte auf einer Spritztour in den Schwarzwald die rechtzeitige Rückkehr in die Schule versäumt – ; doch dies war wohl nur jener berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Von einer geordneten Schul- oder Studienzeit Reitzels konnte nämlich nicht die Rede sein: seine Interessen galten in dieser Phase vielem, nur nicht dem Unterricht. Ungeniert berichtete er selbst seinen Eltern in einem Bündel früher Briefe, die sich im Stadtarchiv Schopfheim erhalten haben, über seine Kapricen, die er sich nachgerade zur Ehre angerechnet zu haben scheint. Da er sich im Klaren darüber zu sein schien, daß „das wahre Studentenleben doch nur in solchen Verbindungen genossen“ werde, schloß er sich einer Schülerverbindung mit dem Namen „Ranania“ an, lebte als „unumschränkter Souverän eines Dachzimmers“ kneipend und kommersierend einer lustvollen Ungebundenheit, unternahm regelmäßige Zechtouren („Der Löwenkeller in Mannheim, was ist mir dagegen die Alhambra oder der Londoner Krystall-Palast!“) und lobte „den Mann, der das Schul-Schwänzen erdacht hat! O ihr seligen Stunden, die ich in offenem Aufruhr gegen Gesetz und Obrigkeit allein mit der Natur verbrachte. Die Vokabeln, die ich jahraus jahrein in mich hineinstopfen musste, habe ich längst vergessen, aber die scharfe Luft, die mir auf dem Thurmberg um die Ohren pfiff, stählt mich heute noch in dem vielen Ungemach, und was die weissschimmernden Birken im Forste von Grünwettersbach redeten, ist mir heute noch eine lebendige Sprache.“ Auch vom Standpunkt seiner reifen Jahre hat Reitzel es sich nicht nehmen lassen, dieses Verhalten gutzuheißen, war sein fehlender Ehrgeiz doch ein Charaktermerkmal, das ihn auch im späteren Leben nicht verlassen sollte: „Dummheiten nannten es die Pädagogen, aber die Dummheiten waren mir damals und sind mir noch heute lieber als die ernsten und wichtigen Sachen, welche uns befähigen, ein nützlicher Staatsdiener zu werden; liebt man doch das am meisten, für welches man am meisten leiden musste.“

Die Unternehmungen dieses ungebundenen Bohèmelebens spiegeln sich auch in den Schulheften, in denen „auf zwei Zeilen Wissenschaft immer zwanzig Zeilen Allotria, Verse, Karrikaturen etc. kamen ...“ Hier liegt wohl auch einer der Keime von Reitzels dichterischer Betätigung, deren frühesten Niederschlag die Kneip- und Scherzlieder der Jahre 1866/67 bilden. Er hat sie unter seinem Verbindungsnamen Silus verfaßt; erhalten haben sie sich als „Karlsruher Handschrift 2104“ in der Badischen Landesbibliothek, wohin sie der ehemalige Schriftleiter der Ranania-Kneipzeitung zum Andenken an den Dichter 1926 stiftete. Drei Jahre später widmete der Literaturwissenschaftler Karl Preisendanz diesem Konvolut einen Artikel, in dem von „ein paar ganz unordentlich gehaltenen Blättern“ die Rede ist, auf die sich „bierdichterische Gedankenblitze in bald passablen, bald unmanierlichen Zügen gekritzelt“ finden. „Vielleicht, wer weiß, waren das mit die schönsten Stunden seines Lebens, die sorglosesten, trotz der Schulplagen, in denen er offenbar steckte“, mutmaßte Preisendanz und erkannte hinter diesen Texten eine „durchaus schulunlustige, natursehnerische, mondscheinsüchtige, holzbankschnitzerische“ Natur, der während der Liviusstunde Verse in den Sinn kamen wie diese:

Draußen lockt der blaue Himmel,
grüne Zweige, frisches Leben,
könnte ich durch das offne Fenster
zu den Blütenträumen schweben!
Könnt ich zu dem Strom hinunter,
in den Wogen spielen, scherzen,
ach, was soll ich bei den Büchern
ich mit meinem vollen Herzen! (...)

Gedichte wie diese verraten vorerst noch weniger den eigenständigen Ton als ihre Herkunft aus der Anakreontik des Kommersbuches, aber sie stellen doch schon eine Erlebnisfähigkeit unter Beweis, von deren literarischen Zinsen Reitzel noch in späteren Jahren zehrte: „Dass ich nicht im ehrbaren Geleise hinwandeln konnte, dafür sorgte mein Leichtsinn und die Unvernunft der die Jugend regierenden Mächte; und weil ich nun all die dummen Geschichten so recht behaglich erzählen und die Spalten des Armen Teufels damit ausfüllen kann, so gilt auch für mich in gewissem Sinne das Sprichwort: Wer in der Jugend sammelt, der hat im Alter die Fülle.“ Alles in allem gab Reitzel als Schüler ein Bild ab, das kaum besser wiederzugeben ist als durch die Worte, die er selbst einmal auf den als Humoristen überaus geschätzten Fritz Reuter münzte. Dessen „Zeugnisse sprachen eher von Faulheit als von Fleiss, und kein Mensch hätte von ihm etwas Ausserordentliches erwartet. Aber er sollte eine Lebensschule durchmachen, aus der nur eine durchaus tüchtig angelegte Natur gesund hervorgehen konnte.“

Bestand diese Lebensschule für Reuter in einer siebenjährigen Haft, hieß sie im Falle Reitzels Amerika. Um ihm jedoch eine letzte Chance zu einem kontrollierten Lebenswandel zu geben, schickte ihn der Vater zunächst zu einem privaten Studien- und Sprachenaufenthalt an den Genfer See; anschließend will Reitzel in Konstanz das Abitur abgelegt haben. Von schulischer Seite ließ sich ein solcher Abschluß bisher ebenso wenig belegen wie ein anschließendes Theologiestudium. In den Matrikeln der Universität Heidelberg taucht Reitzel anscheinend nicht auf; und die fünf erfolglosen Semester, von denen Ulrike Heider in ihrem Buch über Robert Reitzel berichtet, sind zwischen Schulabschluß 1869 und Auswanderung 1870 in der Lebenschronologie nicht unterzubringen. Das Theologiestudium, das Reitzel an vielen Stellen erwähnt, muß also, wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann, erheblich kürzer gewesen sein. Der Biograph Adolf Zucker charakterisierte es so: „However, theologia sacra sancta occupied him but little, except for the reading of the Bible, and this he read as poetry rather than as theology.”

Auf sicherem Gelände bewegen wir uns erst wieder mit dem rechtfertigenden Brief, den Vater Reitzel am 21. Geburtstag seines Sohnes an dessen engsten Freund Leon Müller schrieb: seit drei Jahren habe er „unsäglich schweren Kummer und Gram getragen und (...) weder damit noch mit Ermahnungen und Warnungen das Mindeste (...) erreicht“. Er habe an seinem Sohn mehr als seine „Pflicht erfüllt, und das Verhältnis hat sein Ende gefunden“; zumal Robert in den letzten vier Monaten 400 Gulden durchgebracht habe – „und zwar auf die gemeinste Art durch Saufen (...). Das Traurigste ist nicht das, daß er nichts geworden ist, sondern daß er nichts werden will“. Und auf die naheliegende Frage, was er nun beginnen solle, gab er die Antwort: „Was hunderte seiner Art ihm schon vorgemacht haben: Auswandern oder zum Militär eintreten.“

Letzteres sagte Robert Reitzel verständlicherweise wenig zu, Auswandern schien seinem Naturell eher zu entsprechen. Von einem nennenswerten Widerstand gegen seine Abschiebung erfahren wir in seinen Briefen jedenfalls nichts – im Gegenteil: bereits Mitte 1869 hatte er in bester „Taugenichts“-Stimmung Leon Müller wissen lassen: „Sollte der Vater mir nicht die Erlaubnis (zum weiteren Besuch der Schule, M. B.) geben, so lasse ich mir ein bißchen Geld ausbezahlen und gehe in die weite Welt, wo mich der Zufall hintreibt.“

Daß Auswandern auf anderes hinauslaufen würde als auf eine Verlängerung seines bisherigen Lebenswandels, muß Reitzel schon auf der Reise über Straßburg und Paris nach Le Havre und vollends auf der Überfahrt nach New York gedämmert haben. Dort landete er am 22. Juli 1870. „In der Nähe betrachtet“, heißt es bereits im ersten, undatierten Brief an die „Lieben Eltern“, „nimmt sich das Auswandern gar nicht so romantisch aus, wie ich glaubte, und wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, alles vom humoristischen Standpunkt aus zu betrachten, so hätte ich schon manchmal fast verzweifeln können“. Im selben Brief teilte Reitzel ein jüngst entstandenes Gedicht mit, in dem die Verse stehen:

Wie hab ich satt die nüchterne
die kahle Transatlantik;
wie sehn ich mich nach duftiger
germanscher Waldromantik.

Unterzeichnet hat Reitzel mit „Euer treuer Sohn, der es noch nie in solch hohem Grade empfunden hat, wie viel es wert ist, wenn man sagen kann: Ich habe noch eine Heimat!“

An diesem Punkt setzen die „Abenteuer eines Grünen“ ein, die Reitzels Erlebnisse und Erfahrungen als Tramp, Wanderarbeiter und Obdachloser sowie seinen Weg ins Predigeramt zum Thema haben. In diesem ersten Jahr faßte ihn das Leben auf eine Weise an, daß er nur untergehen – oder etwas aus ihm werden konnte. Bereits im Frühjahr 1871, als er schon in „Amt und Würden“ war, vermeldete er mit Stolz nach Hause, daß er schon „ganz passabel“ von der Kanzel „zu donnern“ wisse und alle seine Studiengenossen in Deutschland überflügelt habe – „trotz meiner bekannten Feuchtfröhlichkeit (...). Ihr solltet einmal sehen, welch würdiges Predigerbild ich auf der Kanzel abgebe (...). Teilet diese Nachrichten allen Bekannten mit, derer ihr habhaft werden könnt. Ein Echo auf diese vermeintlichen Erfolgsnachrichten ließ jedoch lange auf sich warten – immer wieder hatte Reitzel Anlaß, in seinen Briefen um elterliche Anerkennung regelrecht zu betteln. Im Frühsommer 1871 erwähnte er erstmals eine Braut: „Die andere beiliegende Photographie ist das Bild eines liebenswürdigen Mädchens, das die Ehre hat, sich meine Braut zu nennen. Anna Martin ist die Tochter eines hiesigen Apothekers und hat gar kein Vermögen, dagegen wie Ihr seht ein annehmbares Äußeres, sanften weiblichen Charakter und (um Mama zu beruhigen) einen durchaus häuslichen Sinn.“ Hoffte er, mit solchen Meldungen den ihm stets prophezeiten Untergang glänzend widerlegt zu haben, wahrte er gegenüber Leon Müller noch immer den alten pennälerhaften Renommiergestus: „Unsere Verlobung ist noch geheim (...) und ist deshalb das Preiswettrennen eines Dutzend Mädchens der hiesigen Stadt um meine unbedeutende Person noch nicht beendet.“ Aus diesen Worten spricht bereits der spätere Vertreter – und Praktiker – der „freien Liebe“.

Obwohl Reitzel bereits im Folgejahr 1872 heiratete und bald eine wachsende Familie zu versorgen hatte, hielt es ihn keinen Augenblick länger im geistlichen Amt, als er es mit seiner zunehmend kirchenkritischen Einstellung vereinbaren konnte. „Wahrhaftig niederträchtig ist die Art und Weise“, beobachtete er, „wie katholische und protestantische Pfaffen hier ihre gläubigen Scharen ausbeuteln“ [!] und „welcher Unsinn gepredigt und geglaubt“ wird. Der stolze Eintrittspreis von einem Dollar zur Inthronisierungsfeier eines neuen Bischofs veranlaßte ihn zu dem grimmigen Kommentar: „Ein Fettauge mehr auf der wahrlich schon genug nahrhaften Daseinssuppe eines Sendboten des Meisters, der seinen Jüngern verbot, Taschen in ihre Kleider machen zu lassen, damit sich das Eigentumsgefühl bei ihnen nicht entwickle.“ Auch die Gläubigen selbst ließen ihn an seinem Amt heftig zweifeln, so daß ihm beim Nachhausegehen von einer „wohldurchdachten und vorbereiteten Predigt (...) ein grausamer Dämon“ zuflüsterte: „Wasser ins Danaidenfaß, Perlen vor die Säue, verfehltes Dasein!“ Doch mehr noch als an menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten machte sich sein zunehmender Zweifel an den Glaubensinhalten und Dogmen fest, mit denen er mehr und mehr in Konflikt geriet. Vor allem waren es die naturwissenschaftlichen und religionskritischen Schriften der Zeit, die seinen alten Glauben erschütterten. „Wie lange war der Protestantismus culturgeschichtlich berechtigt und ein Segen für die Entwicklung des Menschentums?“, fragte er sich, um zu der Überzeugung zu kommen: „Nun, gerade so lange als er verneinte, so lange als er der verkörperte Protest gegen die Unfehlbarkeit der Kirche war. Sobald er positive Kraft gewann, sobald er selber zur Kirche wurde, hatte er auch schon seinen Ruhm dahin, und heute bildet er im geistigen Leben der Völker eine der tausend Schlangenhäute, die schon längst vertrocknet sind ...“ Diese Aussage kann man für Reitzels künftige weltanschauliche Haltung kaum überbewerten, erkannte er doch Verneinung – „Protestantismus“ im Wortsinn – als notwendiges und förderliches Prinzip. Da er jedoch ahnte, daß Religion und Wissenschaft, zumindest innerhalb der Kirche, nicht zu versöhnen waren, vollzog sich in ihm noch auf der Kanzel und „ehe die Schlausten der Gemeinde eine Ahnung davon hatten“ jene „Umwandlung aus gedankenlosem Enthusiasmus in kritisches, freies Denken (...), welches die Genugtuung meines Lebens ist.“ Von diesen Anfechtungen und sich auflösenden Glaubensgewißheiten zeugt das Gedicht „Andere Zeiten“:

Schon längst ist der Stundenzeiger
Über die Zwölfe gerückt.
Noch immer sitzt Einer im Pfarrhaus
Über die Bücher gebückt.
Und sitzt und sinnt und grübelt,
Was wohl die Wahrheit sei,
Und wird nicht los den Gedanken:
O wär´ ich noch einmal frei!
Wie törichte Mücken schwärmen
Rings um das Lampenlicht
Erinnerungssüsse Gestalten,
Ach! Und er verscheucht sie nicht.
Nur manchmal flüstert er leise
Und faltet die Hände dabei:
O führe uns nicht in Versuchung!
O wär´ ich noch einmal frei!
Der sitzt und schreibt seine Predigt
Von dem erlösenden Christ,
Und weiss doch, dass er selber
Nicht mehr zu erlösen ist.

Wenn Reitzels Auseinandersetzung mit der Religion auch die unversöhnlichen ideologischen Fronten des 19. Jahrhunderts eingeschrieben sind – wie auch anders?! – , so hat er sie doch zugleich auf bemerkenswerte Weise überwunden. Daß er durch Nietzsche „hindurchgegangen“ ist, zeigt sein Essay „Der Kampf um die Freiheit“; doch von dem blinden Gotteshaß, der den Autor des „Zarathustra“ zum Gefangenen seiner eigenen Negation machte, wußte er sich freizuhalten. Zwar erklärte er, Religion so lange nicht für eine Privatsache ansehen zu können, so „lange der Schatten der Kirche über unsere Erziehung fällt, so lange millionenfacher Betrug an dem Ärmsten geübt wird (...). Ich kann uns Arbeitern nicht den Frieden empfehlen, so lange derselbe mit Demut und Feigheit identisch ist. Wir haben das Feuer geschaffen, das alle wärmt, und gegen den, der uns von demselben fern hält, und wär es ein Gott, gibt es nur eine Philosophie: Schlagt ihn tot!“ Reitzel wußte jedoch zwischen Religion und ihrem Mißbrauch wohl zu unterscheiden, wenn er fortfuhr: „Aber es ist kein Gott, es sind nur lumpige, feige Menschen, die uns mit Brosamen füttern, die von ihrem Tische fallen, die uns streicheln, wie man das Pferd streichelt, das gehorsam zieht, die uns züchtigen, wenn wir unsern eignen Weg gehen wollen (...). Es ist aber so eine anarchistische Schrulle von mir, daß der arbeitende Mensch kein Pferd ist, daß er die Gewalt, die ihn darniederhält, zertrümmern kann, und daß er ein Recht hat, sie zu zertrümmern.“

So wurde Reitzel notwendigerweise zum geschworenen Feind der Kirche. Was jedoch seine eigene Haltung zur Religion anlangte, so könnte man von einem „frommen Atheisten“ sprechen. Die Bibel verteidigte er, wenn auch nur als Literatur, und wer Göttersagen zu bloßen Priesterlügen erklärte, den rechnete er unter die „Rundköpfe der Aufklärung“. Als er sich einmal bei der seligsten Naturbeschreibung ertappte, fiel er sich selbst mit der Bemerkung ins Wort: „Das klingt fast wie eine fromme Betrachtung“, um fortzufahren: „Und warum denn nicht? Heute ist Himmelfahrtsfest, und die Glocken läuten mit einem Male, und mein Herz läutet mit.“ Reitzel muß sich bewußt gewesen sein, wie leicht man beim Ausräumen seines Himmels die alten Götter bloß durch neue ersetzt - und seien es die Götter von Vernunft und Fortschritt. In seinem Aufsatz „Die letzte Position“ gedachte er aus Anlaß der Lektüre Stirners eigener verwichener Standpunkte, die für ihn doch auch einmal nichts weniger als Wahrheiten gewesen waren: „Wie meine Seele blutete, wie ich erzitterte und ergrimmte wie unter unverdienten Geisselhieben“, heißt es da, „als ich vor zwanzig Jahren Heinzens `Sechs Briefe an einen frommen Mann´ las und die mir mühsam gerettete Religion dahinschwinden sah wie einen Traum der Kindheit. Ich zerschlug die Broschüre in Fetzen, ich weinte dem Traum nach, der mir so hold erschienen war, ich versuchte noch hundertmal die Wiederherstellung (...) – umsonst, was niemals mein war, war verloren (...). Und nun kommt dieser Stirner mit seinem verfluchten Buch („Der Einzige und sein Eigentum“, in dem jede Bindung an Werte abgelehnt wird, M. B.), das ich wieder in kindischer Wut zerschmeissen möchte und will mir auch den Menschen stürzen mit seinem ganzen Hofstaat von Tugenden und Idealen! Ich weiss, ich fühle es, dass er, ein wohlmeinender Räuber, mir diesen abstrakten Menschen nur nehmen will, um mich mir selber zum Eigentum zu geben (...), um mir ein Glück zu schenken, das ich nur erst ahnen kann. Ich will aber meine letzte Position nicht kampflos aufgeben, ich will meine letzten Altäre verteidigen, ich will einmal denen noch aus der Seele sprechen, die gleich mir noch ein leises Grauen in sich tragen vor dem Priesterspruch: `Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!´“

In dieser Passage wird nicht nur den „Idealen der Jugend“ Achtung gezollt – sie spricht auch von der Erfahrung, daß die Haltung eines Menschen, solange er sich nicht selber aufgegeben hat, niemals seine letzte ist. Zwar war Reitzels Versuch der Gründung einer freisinnigen „Unabhängigen protestantischen Gemeinde“ mit den „immer mehr ins Gebiet freigemeindlicher Vorträge übergehenden Predigten“ gescheitert – doch das Christentum selbst blieb ihm wichtig, wie stark er es auch zu einer „Religion des Menschentums“ profanierte.

Und war nicht auch seine Unbedingtheit und Kompromißlosigkeit im Ethischen letztlich christlichen Erbes? Nicht zufällig berief er sich immer wieder auf die revolutionären Gehalte des Christentums, ja man darf sagen, er sei in seiner ethischen Radikalität den Heilandworten stets näher gewesen als die Mehrheit der Kirchenchristen. „He broke lances for all those who have been traditionally maligned by the self-righteous“, schrieb Adolf Zucker, „e. g. Judas, Ahasverus, and the Jews in general (...). He retold beautifully many biblische Geschichten and he loved Christ, but not the Christ of the catechism, about whom he spoke the classic word `Philister über Dir, Jesus´.” Und wollte man all die Belege zusammenstellen, in denen Reitzel sich christlicher Begriffe und Bilder bediente – man käme so rasch an kein Ende. Selbst was man in den „Armen Teufel“ schreibe, heißt es beispielsweise in „Luginsland“, sei „eine Petition an den Himmel“, und wer würde nicht des Hintersinns inne, wenn Reitzel für den „Armen Teufel“ stets die Abkürzung „A. T.“ wählte?

Und doch war es Reitzel um nichts weniger als jene Überschreitung des Christentums zu tun, die für ihn in dessen „protestantischer“ Tradition notwendig beschlossen lag. Was er an seine Stelle setzte, war imgrunde ein Kult um die Schönheit. Auf die Frage, was denn so ein armer Teufel zu tun habe, gab sich Reitzel in „Unser Programm“ selbst diese Antwort: „O, werte Leser und Leserinnen, viel, unendlich viel! Er muss all die Erhabenheit und Schönheit, die uns in der weiten Natur und in den Werken der Menschen sich darbieten, in seinem Herzen erfassen und, wie Klopstock sagt, noch einmal denken; er muss die ganze Weltgeschichte noch einmal mit durchleben (…). Ja, wann sollte er da Zeit finden nach Gütern zu streben, welche die Motten und der Rost fressen.“ Wie Friedrich Nietzsche in seiner „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ von der „Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Tätigkeit dieses Lebens“ sprach, wußte sich auch Reitzel „keine schönere Aufgabe, als das ewig Schöne und das ewig Wahre (...) in unsrem alltäglichen Leben heimisch“ werden zu lassen. Daß sein Leben in dieser Hinsicht „eine einzige Andacht“ sei, ist wohl eine seiner bezeichnendsten Selbstauskünfte, und an mehr als einer Stelle hat er diesen Wunsch nach Schönheit mit dem Begriff „hellenistisch“ belegt. Deshalb auch setzte Reitzel, der Herrschaft in jeder Form ablehnte, jenem „Amen“ („Eemen! Eemen!“), mit dem ein Pfarrer im „Gedenkblatt an Orion“ seinen farbigen Schäfchen „die Hölle heiß macht“, sein „Evoe“ entgegen – den „heidnischen“ Jubelruf des antiken Dionysos-Festes. Indessen zielte Reitzels Schönheitsbegriff weit über die Natur und die Künste hinaus und schloß auch die menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten und die sozialen Bedingungen hierfür mit ein. „Und du“, heißt es in „Der Kampf um die Freiheit“, „der sich etwas auf die Kenntnis des Harmonischen in der Kunst einbildet, du magst ein vorzüglicher Kenner der ewigen Schönheit bei Raphael, Michelangelo, Goethe sein, wenn dir aber die unkünstlerische Dissonanz des gesellschaftlichen Lebens keine Schmerzenslaute und keinen Kampf entlockt, dann bist du doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“ Daß das Schöne und das Sittliche identisch seien, hat Reitzel an vielen Stellen herausgestrichen und auch immer wieder am Beispiel der Literatur verdeutlicht: als ihm eines Tages die Werke Gottfried Kellers zugesandt wurden, schrieb er etwa, sei ihm ein Stück Welt aufgegangen, „die man sein eigen nennen muss, wenn man nicht ein Schablonenmensch, ein verbummelter Agitator, ein langweiliger Phrasenheld werden soll.“

Hatten sich Reitzels Predigten, Reden und Vorträge seit dem Ende seiner „sezessionistischen“ Glaubensgemeinde zunächst mehr und mehr in den freireligiösen und freidenkerischen Bereich verlagert, boten nun vermehrt Bürger- und Arbeitervereine der rhetorischen Begabung Reitzels ein Betätigungsfeld – waren hier doch die alten liberalen und revolutionären Ideale noch am lebendigsten geblieben. Wenn er sich und seine Familie auf diese Weise durchbringen konnte, so dank des bedeutenden deutschen Sprach- und Kulturelements innerhalb nordamerikanischen Immigration, das seit 1850 ein breit organisiertes Vereins- und Kulturleben hervorgebracht hatte. Reitzel trat in zahlreichen Orten vor allem des mittleren Westens auf und wurde in den folgenden Jahren zu einem der gefeiertsten und populärsten Redner, der große Zuhörermassen zu faszinieren wußte. „His feary eloquence”, so der Biograph Adolf Zucker, „led many to regard him as the ablest German-American speaker (…). The forcefulness of his expression, the stormy impatience of youth, recall the stormers and stressers of all periods“. Bei seinen Vorträgen und Reden spielten neben religionskritischen und antiklerikalen Themen vermehrt auch gesellschaftskritische Probleme, Philosophie und Naturwissenschaften, Fragen einer neuen Moralauffassung und die Auseinandersetzung mit sozialistischem Gedankengut eine Rolle. 1876 kam Reitzel erstmals zu Vorträgen nach Detroit, wo er beim „Sozialen Turnverein“ rasch Freunde gewann; zu Beginn der 80er Jahre siedelte er ganz hierher über. „Überhaupt habe ich noch nirgends eine solche Anzahl von radikalen Freidenkern beisammen gefunden, als gerade hier in Detroit. Daher kam es auch, daß sich meine Übersiedlung hierher so leicht vermittelt hat“, schrieb er am 7. August 1883 an seine noch in Washington lebende Familie; sobald ihm ein dauerhaftes Fußfassen in Detroit geglückt sei, sollte sie nachkommen. Und seine Eltern ließ er wissen: „Ich bekomme ein Gehalt von 1000 Dollars das Jahr. Dieses Geld wird durch freiwillige Beiträge Gleichgesinnter aufgebracht. Die Washingtoner können es mir nicht übel nehmen, dass ich sie verlasse, denn während ein Publikum von 75 bis 100 Personen in W. bei meinen Vorträgen schon etwas Ansehnliches waren, so kommen hier allsonntäglich 500, 600, ja 700 Personen zusammen.“

Der rhetorischen Begabung Reitzels stand die literarische und publizistische nicht nach. Auf einer seiner Redetouren in Maryland, so erinnerte er sich in einer Reminiszenz an die Entstehung seines Wunsches nach einer eigenen Zeitung, begegnete er auf der Landstraße einem Mann, der ihm als „Herold eines sorglosen und in sich selbst vergnügten Menschentums“ erschien. „Ein armer Teufel“, durchfuhr es ihn, „und doch wie glücklich in seiner Armut und – wie frei!“ Ehe noch das Pfeifen des Mannes verklungen war, schoß es Reitzel durch den Kopf: „das wäre der richtige Name für eine Publikation, welche die Welt im Sinne eines unverfälschten Menschen auffaßt, die ein Organ sein könnte für diejenigen, welche an den unendlichen Schätzen der natürlichen Schönheit und der idealen Wahrheit (...) sich genügen lassen und die für das gemeine Geizen nach Gold und Ruhm dieselbe Verachtung im Herzen tragen wie für alles Unnatürliche und Heuchlerische. Notabene: Ich ging damals schon mit der Idee schwanger, eine solche Zeitung herauszugeben, und befand mich an jenem Frühlingsmorgen auf der Suche nach einem Namen. Schon hatte meine Phantasie ohne Befriedigung die Titelskala von dem `Mosquito´ bis zu dem `Sternenbanner des Rechtes und der Freiheit´ durchlaufen, da stand es auf einmal klar vor der Seele: `Der arme Teufel´! Das war auch eine Offenbarung unterwegs, und ich bezweifle, daß dem Paulus die seinige auf dem Wege nach Damascus größeres Vergnügen bereitet hat.“

Die Mittel für eine solche Zeitschrift fehlten Reitzel damals, und es sollte noch sechs Jahre dauern, bevor er 1884 durch Hermann Miller, den befreundeten, mäzenatisch gesinnten Präsidenten einer Brauereigesellschaft, die Gelegenheit zur Gründung des „Armen Teufel“ erhalten sollte – eines Mitteldings zwischen Zeitung und Zeitschrift, das wöchentlich mit jeweils acht Seiten herauskam. Der Artikel „Unser Programm“ in der ersten Nummer erläuterte Namen und Absicht der Zeitschrift, doch im Grunde genommen war das erste der beiden Titelwörter so fragwürdig wie das zweite. Was das Possessivpronomen betrifft, hätte es statt „unser“ allenfalls „mein“ heißen dürfen, war Reitzel doch Gründer und Seele des Blattes, sein Redakteur und hauptsächlicher Autor – Reitzel war „Der arme Teufel“ und „Der arme Teufel“ war Reitzel. Das schiere Gegenbild eines Parteimenschen, begründete er den Zuschnitt des „Armen Teufel“ auf sich selbst einmal mit den divergierenden Erwartungen seiner Leserschaft, die allein durch seine Person „austariert“ würden. „Wende ich mich nach rechts, so sagt mein Nachbar: `Lassen Sie doch das verdammte Schimpfen, Sie können die Welt doch nicht anders machen. Welt verbessern – lächerlich! Das Volk will es so haben´“, begann Reitzel eine Replik an seine Kritiker. „Wende ich mich nach links, so meint der zur Linken: `Ich könnte manchmal an Ihnen irre werden. Was geht uns die verdammte Liebelei an und wann und wo Sie Ihre Jugendträume geträumt haben; halten Sie dem Volk das Unrecht vor, das es erdulden muss, predigen Sie den Kampf der Unversöhnlichen!´ Der Sozialist warnt mich vor anarchistischer Verflachung, der Anarchist warnt mich vor sozialistischer Versumpfung, der Bürger mahnt: `Halten Sie sich an die anständigen Leute und passen Sie auf Ihre Gesundheit auf!´ Aber sie scheinen mich alle gern zu haben, sie lassen mich alle fühlen, daß ich ihnen etwas bin.“

Auch hinter das zweite Wort „Programm“ gehört ein Fragezeichen. „Ich überlasse es meinen Freunden Tucker und Most, auszufechten, wer den wahren Anarchismus vertritt“, wehrte Reitzel die sattsam bekannten Auseinandersetzungen um den „einzig richtigen Standpunkt“ einmal ab, „ich bin nur ein armer Teufel, der sich über die Gesellschaft der Zukunft gar keine Gedanken macht, der jeden Zwang, jedes Unrecht bekämpft, jeder Wahrheit zujubelt, und wäre sie auch noch so schmerzlich, wilde Rosen in seinem Garten zieht, das Schöne zu kränzen, und es so weit fertig gebracht hat, trotz Staat, Kirche und der ehrbaren öffentlichen Meinung unabhängig zu leben.“ Nach Reitzels Meinung tut die Geschichte den Menschen ohnehin nicht den Gefallen, sich an ihre Willensbekundungen, an ihre mehr oder weniger gutgemeinten Absichten zu halten: „Spinnt Ihr eure Doktrinen, legt Ihr Grundsteine zu Gebäuden, die niemals in die Höhe wachsen, ich glaube an das Erdbeben.“ Als wohlfeilen Dispens von der Verpflichtung zum Handeln mißbrauchte Reitzel diesen Satz im grundstürzenden Gestus von Nietzsches „Zarathustra“ freilich nicht: „Andere Zeitungen mögen sich´s zur Aufgabe machen, die allgemeinen Grundsätze der neuen Weltanschauung zu predigen, wir wollen den praktischen Konsequenzen das Wort reden und Alles, was um uns her verlogen und versklavt ist, schonungslos an den Pranger stellen“. Doch von Patentrezepten wollte er nichts wissen: „Unsere Leser haben gar keine Idee davon, auf wie viele Fragen und Anforderungen wir im Bewußtsein unsrer Unwissenheit und Inkompetenz zerknirscht schweigen müssen.“ In Reitzels „Sang zum 14. Wiegenfeste des Armen Teufels“ hatte es geheißen:

Die Wahrheit ist ein hoher Ton
Doch wer sie hat gepachtet,
Treibt mit dem Allerhöchsten Hohn
Und wird von uns verachtet.

Auf insgesamt 16 Jahrgänge, von Reitzel stets als „Waffengänge“ bezeichnet, brachte es „Der arme Teufel“; von den 822 Nummern fielen 696 in Reitzels Verantwortung. Das Blatt wurde zum weitestverbreiteten deutschsprachigen Literatur-Journal, das jemals in Amerika erschien und innerhalb der deutschsprachigen Diaspora zum Träger einer Gesinnung wurde, die über „die verflachenden Schützen- und Kriegerfeste“ hinausging. In mehreren Städten wie Detroit, Toledo, Pittsburgh, Cincinnati, St. Louis entstanden sogenannte Reitzel-Clubs, in denen „Der arme Teufel“ auflag und steten Debattenstoff lieferte. Diese enge „Leser-Blatt-Bindung“ war auch Folge des engen Kontaktes zu seinen Lesern, den Reitzel mittels eines ständigen „Briefkastens“ pflegte. In ihm wurden alle Töne angeschlagen – vom humorvoll-spielerisch bis polemisch, von freundschaftlich bis spöttisch-aggressiv. In Bezug auf den „Briefkasten“ wie die herausgeberischen Verlautbarungen befand Adolf Zucker: „A burschikoser Ton runs thru all his editorial announcements.“

Dem entsprach auch in Redaktions- und Geschäftsdingen ein höchst eigenwilliger Stil. Wie Ulrike Heider schreibt, fiel Reitzels Redaktionsarbeit an manchen Tagen ausgedehnten Zechtouren zum Opfer, die er mit Freunden unternahm. Die trotz allem pünktlich erscheinenden Ausgaben bestanden dann aus Stehsatz und Nachdrucken, Briefen und zu solchen Zwecken zurückgehaltenen Feuilletons. Diese Ausgaben nannte Reitzel, dem Wein lieber war als Tinte, seine Sektnummern. Unter seinen Lesern interessierten ihn allein die denkenden („die anderen können mir gestohlen werden“), und in Sachen Abonnements und Anzeigen vertrat er ähnlich unkaufmännische Auffassungen. Die zahlungsschwachen unter den Abonnenten – Heider gibt ihre Zahl für Ende der 80er Jahre mit 7000 an, andere Quellen sprechen von der Hälfte – wurden oft gar nicht, die wohlhabende(re)n durch eine ironische Notiz im Blatt an ihre Säumigkeit erinnert. Anzeigen, die Reitzel zuwider waren (etwa Werbung für Lotterien) wurden zurückgewiesen; dafür versäumte er nicht – eingedenk seiner eigenen Erfahrungen als Tramp – gelegentlich daran zu erinnern, daß in der Redaktion „für bedürftige arme Teufel jederzeit ein Obolus als Viaticum bereit“ liege. Und war jemand für sein „Freiheitsstreben dem Büttelarm der sogenannten `weltlichen Gerechtigkeit´ verfallen“, so zögerte er nicht, in seine Spalten einen Gruß mit entsprechenden Aufmunterungen einzurücken. Dies waren dann des „Armen Teufels“ wahrhaft arme Teufel – an ihnen, den underdogs und Entrechteten, erfüllte sich die Titelgebung ebenso wie an all denen, die es nach anderem als nach materiellen Gütern verlangte oder die ausgeschlossen waren von den angenehmen Seiten des Lebens.

Ebenso wie die „bemitleidenswerte Klasse“ derer, die „Geld angehäuft haben und nichts Besseres damit anzufangen wissen, als neues Geld aufzuhäufen“ verachtete Reitzel die „elenden Press-Kosaken“ und „Zeitungskaffern“. Zu schreiben, was gerade verlangt wurde, war nie seine Sache, viel weniger noch, die Meinung des Blattbesitzers wiederzukäuen. Inmitten der „transatlantischen Öde“ und „wüsten Dollarwelt Amerikas“ repräsentierte „Der arme Teufel“ ein Kulturverständnis, für das Reitzel postum als bester Apostel des Deutschtums gerühmt und erst jüngst als „Ein-Mann-Goethe-Institut“ bezeichnet wurde. Doch alle Verdienste um den deutsch-amerikanischen Kulturtransfer schützten ihn nicht davor, „beim Durchschnittsdeutschen unter dem Sternenbanner als undeutsch verschrieen“ zu sein. Nationalistisch war Reitzel tatsächlich nie, sieht man von dem kurzen patriotischen Taumel ab, der auch ihn kurz nach der Ankunft in New York angesichts des deutschen Waffensieges über Frankreich erfaßt hatte und dessen er sich später schämte. „Für den engen Rahmen des hurrapatriotischen Bardentums“ jedoch blieb Reitzel, wie Max Baginski resümierte, „eine zu glänzende, gigantische Erscheinung, die wie Heine in Reichsdeutschland zu unnahbar und zu gross bleiben wird für Gartenlauben-Schreiber, Regierungsräte, schwache Poeten und nationalistische Stadtverordnete.“

Und doch durfte Reitzel zurecht beanspruchen, der deutschen Kultur „einen kleinen Tempel errichtet“, „in Amerika die Sprache Lessings, Goethes, Schillers geredet zu haben.“ Kein anderer Herausgeber oder Redakteur hat sich der Aufgabe, unter Deutschstämmigen die Verbindung zum Herkunftsland aufrechtzuerhalten und seine Leser mit der geistigen und literarischen Entwicklung vertraut zu machen, mit dieser Konsequenz unterzogen wie er. Literarische Beiträge fehlten in keiner Nummer und machten oft einen Großteil ihres Umfangs aus – auf diese Weise begegneten viele Leserinnen und Leser erstmals Arbeiten von Georg Herwegh, Ludwig Pfau, Ludwig Seeger, Karl Gutzkow, Theodor Storm, Fritz Reuter, Gottfried Keller, Richard Dehmel, Detlev von Liliencron, Arno Holz, Gerhart Hauptmann, Oskar Panizza, E. O. Hartleben, Bruno Wille, Hermann Bahr, Jakob Wassermann, Christian Wagner, Benno Rüttenauer, Michael Georg Conrad, Frank Wedekind, Anna Croissant-Rust, Heinrich Mann, Lou Andreas-Salomé, Multatuli, Oskar A. H. Schmitz, Theodor Lessing, Franziska von Reventlow, Alfred Kerr und vielen anderen. Von den Klassikern der deutschen Sprache liebte Reitzel besonders Jean Paul und Johann Gottfried Seume, Friedrich Theodor Vischer und Heinrich Heine, und als junge sozialkritische Dichter führte er bei seinen Lesern Karl Henckell und John Henry Mackay ein. In einer quantitativen Auswertung der literarischen Beiträge kam Adolf Zucker auf nicht weniger als 180 deutschsprachige Autoren, die Reitzel seinen Lesern vorstellte, und vielen von ihnen, darunter Seume und Uhland, Lenau und Heine, Vischer, Keller und Reuter, widmete er eigene Beiträge und Würdigungen. Über diesem Stellenwert deutschsprachiger Literatur vernachlässigte er Übersetzungen aus vielen europäischen Sprachen nicht. In der angelsächsischen Literatur stand Shakespeare, über den er bemerkenswerte Abhandlungen schrieb, für ihn in unerreichter Höhe; von den Amerikanern schätzte er besonders Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Nathaniel Hawthorne und Walt Whitman. Abdrucke finden sich auch von Alphonse Daudet, Guy de Maupassant, Knut Hamsum, Alexander Kielland, Henri Sienkiewicz, Jan Neruda und Claude Tillier, dessen Roman „Mein Onkel Benjamin“ er im „Armen Teufel“ in Fortsetzungen druckte. Hier wie dort derselbe Freiheitsdrang, dasselbe Desinteresse am Erwerb materiellen Gewinns, ein Epikuräertum, das die Freude am Zechen und an den kleinen Dingen einschloß, aber auch dieselbe Zurückweisung jeglichen Hochmuts gegen Tiere.

Unter seinen schreibenden Landsleuten schätzte Reitzel Heinrich Hansjakob und Joseph Viktor von Scheffel besonders. „Dieser Hansjakob“, urteilte der ehemalige Prediger, „ist ein Mensch, an dem man seine Freude haben kann. Das sind Dorfgeschichten, wie sie der Schwarzwald nur dem eigenen und in lebenslänglicher Liebe und Verehrung ihm treu gebliebenen Kind erzählt. Man muss ihm zugestehen, daß er seine ultramontane Gesinnung in den `Schneeballen´ nirgends störend in den Weg schiebt. Er verleugnet sich keineswegs als katholischer Pfarrer und freut sich, wenn er bei seinen Bauern noch die von aller Kultur unbefleckte Frömmigkeit findet, aber er benutzt nie den gemeinen Trick seiner Kollegen, diese Frömmigkeit als die Grundlage des Glücks oder die Abwesenheit derselben als die Ursache des Elends hinzustellen.“ Zu ideologischen Spanndiensten sah sich die Literatur bei ihm nirgends verpflichtet: Wie Reitzel auf der einen Seite die ins Kraut schießende freireligiöse Tendenzpoesie seiner Zeit zuwider war, konnte er seinen Lesern auf der anderen durchaus einen Dichterpfarrer empfehlen – zumal, wenn er eine solche Persönlichkeit war und sich so wenig unter die staatliche und kirchliche Räson beugen ließ wie Hansjakob.

Reitzels Liebe zu Scheffel hatte andere Gründe: seine populäre Trink- und Studentenlieder waren ihm seit Pennälertagen aufs intimste vertraut, und daß er eine seiner Katzen nach dem literarischen Scheffel-Kater „Hiddigeigei“ nannte, belegt die Nähe zu Scheffels Lebens- und Vorstellungswelt. Doch seine Verehrung für den „Meister Josephus“ war nicht blind. Als der Dichter 1876 – anläßlich seines 50. Geburtstages – vom Großherzog in den erblichen Adelsstand versetzt wurde, unterfing sich Reitzel im Namen des Washingtoner Lesevereins, dem Geehrten gehörig atlantisches Wasser in den Karlsruher Festwein zu schütten:

Der Pfarrer von Assmannshausen spricht
Die Welt ist tief entartet
Doch dass der Josephus sich adeln lässt
Das hätt´ ich nicht erwartet
Ist das des fahrenden Schülers Art,
Dass, wenn er alt geworden,
Er sich den Kamisol besteckt
Mit einem Fürstenorden? (...)

Kritik übte Reitzel dort, wo er Opportunismus und epigonales Hofdichtertum am Werk sah, wo er Phrasen und unechte Empfindungen entdeckte. Der Begriff „gesellschaftskritische Literatur“ dagegen wäre wohl ein weißer Schimmel für ihn gewesen – wenn Literatur gut war, wurde sie eo ipso zum Einspruch gegen das, was abzulehnen war.

So war Reitzel stets dort zu finden, wo es den Kampf gegen Intoleranz und Zwang galt – mochten diese nun von Dogmen ausgehen oder von den Institutionen des Staates. Keiner Partei oder festumrissenen Anschauung angehörend, redete und schrieb er für die Befreiung der Arbeit vom Kapital, für das Recht der Frau auf Selbständigkeit und Gleichberechtigung, für freie Liebe und eine natürliche, unheuchlerische Moral zwischen den Geschlechtern wie in der Erziehung. Auf diesem Weg zur Freiheit des Individuums gelangte er allmählich in die Nähe eines „undogmatischen Anarchismus“, von dem Nettlau sagte, er habe längst in ihm gesteckt, bevor er ihm „flammenden Ausdruck gab, als der Chicagoer Mordstag, der 11. November 1887, sich näherte.“ Nettlau bezog sich damit auf einen spektakulären Justizmord: im Mai 1886 war auf dem belebten Chicagoer Haymarket im aufgebrachten Klima sozialer Auseinandersetzungen eine Bombe explodiert, die mehrere Menschen das Leben kostete. Die Justiz stellte daraufhin eine Reihe von Anarchisten unter Anklage, denen – unterstützt von einer hetzerischen Presse – ein Schauprozeß bereitet wurde. Unter den zum Tode Verurteilten, die damals hingerichtet wurden, befanden sich auch die Deutschen Georg Engel, Adolph Fischer, Michael Schwab, August Spies sowie der 22jährige Louis Lingg aus Mannheim. Reitzel, der selbst nie zum gewaltsamen Umsturz der Ordnung aufgerufen hatte, beteiligte sich an der Organisierung des Protestes gegen die Todesurteile, hielt leidenschaftliche Reden und drohte schließlich angesichts der Unabwendbarkeit des Schicksals der zum Tode Verurteilten in tiefe Depression zu stürzen.

Dieser kämpferischen Seite, die in den sozialen Auseinandersetzungen jener Zeit zahllose Anlässe fand, stand Reitzels Veranlagung zum Beschaulichen gegenüber, ja zu einer gewissen Erinnerungsseligkeit. In ihnen haben zahlreiche Arbeiten Reitzels ihren Entstehungsgrund. „…und es gelüstet mich wieder“, rechtfertigte er anfangs 1889 seine wiederholten Jugendgeschichten, „von der Poesie meines Lebens zu erzählen, von dem, was (…) aus der Jugendzeit herüberragt, einfache, alltägliche Dinge, die (…) gerade darum geneigte Herzen finden mögen, weil sie jeder fühlende Mensch selber zu seinen köstlichsten Erinnerungen zählt und die, wenn sie auch nicht von der Classe der Gelehrten oder der Partei-Fanatiker zugelassen, doch gewiss immer anklingen werden in den Kreisen, wo man `beim schäumenden Becher´ gern der Jugend gedenkt.“ Mehr noch: Reitzel, der seinem Detroiter Heim nicht zufällig den alemannischen Hausnamen „Luginsland“ beigelegt hatte, verspürte auch den immer unbezwinglicheren Wunsch, die Heimat noch einmal wiederzusehen. „Und zwar sollte das sein, ehe ich selber alt und stumpf werde“, hatte bereits der Vierunddreißigjährige seine Eltern wissen lassen, „und ehe die wenigen, nach denen sich meine Seele sehnt mir ganz entfremdet oder gar verstorben sind. Freilich von Sommer zu Sommer wird die Hoffnung immer schwächer und ich sehe immer mehr ein, daß ich ein im wahren Sinne des Wortes Exilierter bleiben werde; denn während mir das Schicksal reichlich Anerkennung, Tagesruhm, Liebe und Freundschaft zuerteilt (...), fresse ich denn mein Heimweh in mich hinein und muss mir an den Erzählungen anderer genügen lassen.“

Entgegen allen Erwartungen wurde dieser Traum ein halbes Jahrzehnt später Wirklichkeit: der aus Süddeutschland stammende Brauer Robert Lieber schenkte Reitzel die Mittel für eine Europareise, die er 1889 antrat. „Mich führt kein `Appointment´ nach Europa, als Lohn für geleistete schmutzige oder wenigstens Partei-Hausknechts-Dienste. Ich habe kein Geld `eröbregt´ – bei einem so ehrlichen Geschäft, wie der A. T. eins führt, ist diese Möglichkeit ausgeschlossen“, rechtfertigte er sich vor seinen Lesern. „Ich habe nur eine Sehnsucht, eine unbezwingliche Sehnsucht, und die führt mich jetzt mit Dampfes- und Windesgewalt nach der alten Welt.“ Beginnend mit Ausgabe 235 von Anfang Juni 1889 („An Bord der Rhätia“) ließ er seine Leserschaft in mehr als zwei Dutzend längerer Beiträge an dieser Reise teilnehmen. Dabei erlaubte er sich den Spaß, sich unter dem Pseudonym Ariolus, seines Zeichens angeblich „musikalischer Correspondent“ beim „Armen Teufel“, unterwegs selbst zu beobachten und in ironische Distanz zu sich selbst zu treten, ja sich nach dem Muster von Spitzelberichten augenzwinkernd in ein zweifelhaftes Licht zu rücken. Wie sehr er mit diesem Kunstgriff der gebrochenen Perspektive der Realität zuvorkam, zeigen erhalten gebliebene Berichte staatlicher Spitzel. Ihnen ist beispielsweise zu entnehmen, daß Reitzel in Mannheim nicht nur Jugenderinnerungen auffrischte, sondern es sich auch nicht nehmen ließ, die Mutter des in Chicago hingerichteten Louis Lingg zu besuchen.

Die Route der rund vier Monate dauernden Reise läßt sich anhand der 27 Reisebriefe rekonstruieren, zu denen mindestens fünf weitere Beiträge kommen, die erkennbar auf Erlebnisse während der Reise zurückgehen. Sie führte von Hamburg über Frankfurt, Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe an den Bodensee und ins heimatliche Wiesental (nach Schopfheim und auf die nahe Schweigmatt), nach Zürich und den Walensee sowie nach Oberbayern (München und Starnberger See). Daß sich seine Vorfreude überall gleichermaßen erfüllte, wird man kaum erwarten. Die Gefühle beim Besuch des wiederverheirateten Vaters – die Mutter war bereits Mitte der 60er Jahre gestorben – waren auf beiden Seiten gemischt, konnte doch „von einem Verständnis um so weniger die Rede sein, als unsere Ansichten himmelweit auseinander gegangen waren. Meine `amerikanischen´ Manieren konnten dem alten Manne nicht passen, und ich konnte es nur schwer verzeihen, daß er unter den Motiven meines Besuches auch mercenäre vermutete. Trotzdem war unser letzter Abschied ein solcher in Frieden und Liebe.“ Es schlugen Reitzel in der Heimat aber auch Mißtrauen und Distanziertheit entgegen. Das war nicht von der politischen Entwicklung und einem Klima zu trennen, in dem der Enthusiasmus und die Ideale von 1848, längst als Jugendeseleien belächelt, in einem „spezifischen Preußentum“ ersäuft schienen und das „preußische Wappenvieh“ allgegenwärtig war. Georg Uehlin, der nicht wie die meisten Amnestierten zu Kreuz gekrochen war und auch nicht „die berühmte Umwandlung von 1866 zum Glauben an die Moral von Blut und Eisen“ vollzogen hatte, lebte zwar noch, seinen „Statthalter von Schopfheim“ aber hatte er bereits an den Sohn übergeben. Ein überliefertes Photo zeigt einen feisten Bürger, mit dessen Alleinherrschaft über das Blatt „die Anbetung des rohen Waffenerfolges, die Bewunderung der preußischen Soldatenknechtschaft, die `Gesinnungstüchtigkeit´ für `Gott, Fürst und Vaterland´ ihren Einzug“ in das Redaktionsbüro gehalten hatten. Reitzel roch den kommenden wilhelminischen Byzantinismus förmlich, wenn er in seinem Aufsatz über seinen geliebten Seume schrieb, es „glotzten uns aus dem alten Vaterlande eine sittliche Verwilderung, eine Verwirrung der Rechtsbegriffe und ein Loyalitätsdusel der Macht gegenüber an, wie sie seit den Tagen des untergehenden römischen Kaiserreiches der Welt nicht mehr bekannt waren.“

Erholung von diesem Milieu boten die Natur und das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten wie Karl Henckell, John Henry Mackay und Christian Tarnuzzer, sämtlich Mitarbeiter des „Armen Teufel“. Mackay, nach Hermann Hesse „eine der vornehmsten und lautersten Gestalten im deutschen Schrifttum seit den 80er Jahren“, hat in einem Gedichtzyklus eine gemeinsame sommerliche Freiheitsfeier am Walensee bedichtet und den Freund aus den USA mit den Zeilen bedacht: „Du, der du über die Wasser/ Gekommen, ein streitbarer Held:/ Freiheitsfreund, Knechtschaftshasser/ In alter und neuer Welt -“.

Die Reise vertiefte die Melancholie schmerzlich empfundener Heimatlosigkeit. „Wir armen, nach fremdem Weltteil verpflanzten, verirrten Kinder!“, schrieb Reitzel während seines Besuchs bei Uehlin auf der Schweigmatt. „In der Fremde dulden sie uns mit scheelen Augen (...) kehren wir aber zurück, so sind wir fremd in der Heimat geworden und der eigene Vater versteht deine Sprache nicht, und die eigene Mutter fragt sich: Ist das mein Sohn?“ Reitzel, der stets davon ausgegangen war, „im deutschen Vaterlande, wo anders? müssen sich doch meines Daseins Kreise vollenden“, erkannte deutlicher denn je, „daß ich eine Welt verloren, ohne mir eine neue erobert zu haben.“ Der Text „Fremd im eigenen Haus“ ist eine Reaktion auf Erfahrungen, wie sie ihm insbesondere seine Europa-Reise vermittelte.

1893 befiel Reitzel ein Rückenmarksleiden, das die Lähmung seiner Beine zur Folge hatte und ihn im folgenden Jahr ans Bett fesselte. Das Ende seines Schreibens oder des „Armen Teufel“ bedeutete dies nicht. „...erleben kann ich nichts mehr, so muss ich denn das welke Laub und die dürren Schnitzel der Vergangenheit sammeln“, schrieb er und scheint durch Intensität der Beobachtung und Tiefe des Erlebens ausgeglichen zu haben, was ihm an Aktions- und Bewegungsradius verloren gegangen war. „Mein ganzes Leben (...) ist eine einzige Andacht“, heißt es im „Gedenkblatt an Orion“ aus jener Zeit, und es hat den Anschein, als sei über eine vertiefte Achtsamkeit gegenüber Umwelt und Schöpfung wieder etwas von jener „Frömmigkeit“ zu ihm zurückgekehrt, die er einst mit der Religion drangegeben hatte. Aus den Jahren zwischen 1894 und seinem frühen Tod stammen denn auch einige seiner schönsten und vielschichtigsten Texte – „Die Reise um mein Zimmer“ etwa oder „Passiflora“, in dem die offenkundigen Parallelen zum Schicksal Heines zu einer geistigen Wahlverwandtschaft werden. Dabei ging ihm selbst in diesen Texten illusionslosester Selbstbeobachtung die Ironie nicht aus: „Drei Jahre waren diese Beine paralysiert, das Fleisch schwand von den Knochen und die Nägel der Zehen wuchsen wie Adlersklauen (...). Da erst wird es einem deutlich, dass man kein Göttersohn, sondern ein Erdenwurm ist, den irgend ein Streich auseinander hauen kann; wer weiss, was aus dem andern Ende wird! Mich muss ein unsichtbarer Engel geschlagen haben, denn ich sah nicht sein Antlitz, und ich fühlte keine Wunde. Ich war wie ein entwurzelter Baum: die Zweige und Blätter saugen noch Luft und Licht ein und bewegen sich lustig im Winde, ja am Stamme spriesst noch was Grünes hervor, aber die Wurzeln sind starr und steif (...). Meine Beine, dieses Unterhaus, das von jedem Zusammenhang mit dem Oberhaus sich emanzipiert hatte, diese arbeitsunwilligen und darum unnützen Proletarier, meine Beine, die schon in der Tanzstunde sich als kaum mittelmäßig erwiesen hatten (...), exekutierten auf eigene Faust die verrücktesten pas de deux.“

Auch die Leitung des „Armen Teufel“ erfolgte nun vom Bett aus, das zum Zentrum von häuslicher Geselligkeit und Freundeskreis wurde. Seinen Besuchern gegenüber verbat sich Reitzel jegliches Mitleid: „Was wir aber brauchen, das sind Menschen, welche sich mit uns freuen“, heißt es im „Gedenkblatt an Orion“, „das Leiden wollen wir schon allein besorgen.“ In Gesellschaft erzählte Reitzel gern und rezitierte aus seinem großen Vorrat an Gedichten – etwa Ludwig Pfaus „Der Untergang der Stadt Is“, das er besonders liebte. Auch das Kommersbuch lag stets in Reichweite und „blieb ihm (...) bis ans Ende ein Born der Freude.“ „Wenn immer es sich schickte, dass Freunde sich um dies mit Schmerzen gepolsterte Lager zusammen fanden, stiegen die Lieder, gab es ein Fest und getrunken wurde dabei nicht schlechter und nicht weniger wie auf der Kneipe in Heidelberg.“

Der Wahrheit blickte Reitzel unerschrocken ins Auge; doch wenn man ihn gutmeinend über seine Situation zu täuschen suchte, konnte er ungehalten werden. „Ich wollte euch wohl einmal von meinen Schmerzen erzählen und von der gebildeten Krankheit, die mir die Ehre angetan hat, ihre Residenz in meinem Körper aufzuschlagen“, schreibt er in der Erzählung „Luginsland“, „aber die Wahrheit wollt ihr ja doch nicht glauben, und an Missverständnissen seid ihr so groß, daß ich mich manchmal frage: schreibe ich nicht deutsch, deutlich? Bin ich als Mystiker bekannt oder habe ich mir einigermaßen Mühe gegeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen?“ Dieselbe Illusionslosigkeit durchzieht „Passiflora“: „Man hat mir längst das Mass genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, dass solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden ...“ Bis es soweit war, genoß er in seiner Matratzengruft mit doppelter Bewußtheit, was das Leben ihm zutrug. „But only his body could be tied down” schrieb Adolf Zucker, “his unconquerable soul was free”. In der vorletzten unter seiner Verantwortung erschienenen Nummer stand zu lesen: „Noch lebt der A. T., und wenn es ihm auch nicht möglich ist in dieser Woche zu denen zu reden, die ihn hören möchten – vielleicht rafft er sich doch wieder zu Angriff und Abwehr auf und träumt seinen Herbsttraum zu Ende – Vielleicht!“. Die Hoffnung erfüllte sich nicht: Reitzel starb am 31. März 1898 wie seine Mutter an Tuberkulose und unter großen Qualen – anders, als er es sich vorgestellt hatte. „In Schönheit wollte er sterben! Um sein Lager sollten die Freunde versammelt sein, ein paar schlanke, zarte Mädchengestalten unter ihnen. Blumenduft sollte das Zimmer erfüllen, sanfte Musik die Herzen erheben. Die Gläser sollten an einander klingen und so – mit einem letzten Kuss, einem letzten Trunk, einem letzten Witzwort auf den erblassenden Lippen wollte er die lebensfrohe, schönheitstrunkene Seele verhauchen. Es ist anders gekommen. Ohne Bewusstsein ist Robert Reitzel hinüber gedämmert in die große Nacht.“

„Selten“, schrieb sein Landsmann Gustav Landauer, „habe ich bei einem Tode so das Gefühl des Unwiederbringlichen, des Verlustes gehabt, wie diesmal. Robert Reitzel in seiner völligen Lebensfreude, in seiner Kunst, am Kleinsten und Größten sich zu bereichern, in seiner blitzenden Kampfeslust, in seinem revolutionären, widerborstigen Temperament, Reitzel, der Sprachkünstler, Reitzel, der Lebenskünstler, Reitzel, der Rebell, war ein Einziger, der so nicht wiederkommen wird.“ Das Ende des „Armen Teufels“, der „vielen ein veritabler Satan, vielen aber auch ein Dolmetscher ihrer besten Überzeugungen sein wollte“, bedeutete Reitzels Tod noch nicht. Zusammen mit Martin Drescher, einem Vertrauten der letzten Zeit, der 1891 in die USA ausgewandert war, gab Anna Reitzel die Zeitung noch zwei Jahre lang heraus; dann waren ihre Tage gezählt. Am 9. September 1900 erschien die letzte, 882. Nummer – ob aus finanziellen Gründen oder weil Drescher die „Lücke Reitzel“ nicht wirklich auszufüllen vermochte, mag dahingestellt sein. Was von der Zeitung blieb, war die Erinnerung an den Mann, der ihr wichtigster Motor gewesen war und sie zu einer singulären Erscheinung innerhalb der deutschsprachigen Auslandspresse gemacht hatte. Trotz ihrer beachtlichen Auflage war Reitzels Einfluß beschränkt geblieben, hatte er doch einerseits die Kirchengläubigen, andererseits die Philister verschreckt. Was er sich erworben hatte, war nach dem Zeugnis Erich Mühsams die glühende Verehrung eines Kreises von Künstlern und Literaten. Für diese Einschätzung stehen auch die beiden gleichnamigen Neuauflagen von Reitzels Zeitschrift: seit Frühjahr 1902 gab Albert Weidner im politisierten Umkreis der ehemaligen Friedrichshagener Naturalisten-Bohème einen neuen „Armen Teufel“ heraus – wie ihr Detroiter Vorbild ein „allen Parteiprogrammen und Bestrebungen fernstehendes, von keiner Richtung, Sekte oder Gruppe abhängiges Blatt. Ein Franktireur, der auf eigene Faust gegen Staat, Kirche, Partei und Politik ins Feld“ zog. Dieser Neugründung, die vor allem zahlreiche Artikel Reitzels nachdruckte, folgte nach dem Ersten Weltkrieg eine ebenfalls in Berlin herausgegebene Heftreihe mit dem Titel „Robert Reitzel Des `Armen Teufels´ gesammelte Werke“.

Heute ist der Name Robert Reitzel so gut wie unbekannt. Als Ulrike Heider 1986 eine erste Monographie vorlegte, mußte sie ihn aus fast völliger Vergessenheit heben. Konnte man ihm bis dahin fast ausschließlich noch im Umfeld deutsch-amerikanischer Literaturgeschichte oder aber – seltener –anarchistischer Geschichtsschreibung begegnen, erinnerte ihre Darstellung erstmals wieder an diese faszinierende Figur. Hinter dem „foremost writer of German prose in America in his time”, zu dem Reitzel sich seiner klandestinen Existenz zum Trotz inzwischen allenthalben kanonisiert fand, wurde eine Persönlichkeit lebendig, die tief in die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts und seine politisch-sozialen Auseinandersetzungen hineinführte. Diese hatten Reitzel aufs bestimmteste geprägt: als einen Freischärler des Geistes, dessen Widerwille den Schablonen und Parolen galt; als Skeptiker, der gleichwohl allem Schönen zugetan war; als Kämpfer, der gewohnt war, seine Forderungen immer zuerst an sich selbst zu richten und der nichts mehr verabscheute als Proselytenmacherei; als Internationalisten, der in seinem Gefühlsleben dennoch deutsch blieb wie nur einer; als Schriftsteller, der gegen das Pathos und alles Unechte anschrieb; als Stilisten, der Charme und kämpferische Entschiedenheit zu verbinden wußte; als Redakteur, der eines der erfrischendsten, unerschrockensten und freiesten deutschsprachigen Blätter außerhalb des eigenen Sprachraums herausgab; als Nonkonformist und Individualist, der – „entsetzt euch, ihr Orthodoxen der roten Farbe“ – mit dem persischen Dichter Omar Chaijam den Lebensgenuß verherrlichte und mit Henry David Thoreau die „Muße zum wirklichen Leben“ erstrebte. Wie Nietzsche, zu dem er ein ambivalentes Verhältnis hatte, durchschaute Reitzel die Fäulnis der bürgerlichen Moral, um an ihre Stelle das eigene Ich und das Gewissen als letzte, unhintergehbare Instanz zu setzen („Lieber mit sich selber im Frieden als mit andern“, heißt es in „Unser Programm“). Dieses Postulat wies weit ins 20. Jahrhundert voraus, und wenn Reitzel auch dessen Beginn nicht mehr erlebte, war sein Mißtrauen gegen den Staat und seine Institutionen doch hellsichtig genug, um durch die verheerenden Kollektivismen des 20. Jahrhunderts aufs beschämendste legitimiert zu werden. Nie beanspruchte Reitzel, den Weg zur „besten Gesellschaft“ zu wissen, er kannte kein Absolutum und keine Macht, bei der die Wahrheit aufgehoben gewesen wäre. Dieser Kampf gegen die Götzen trug ihm neben Anerkennung und Bewunderung auch eine Flut von Verleumdungen ein, und doch betrachtete er ihn als seine moralische Bringschuld: „Ich will lieber der Gassenjunge sein, welcher ein Fenster des Tempels der Ungerechtigkeit einwirft, als der gepriesene Philosoph des Bestehenden, für den selbst das Elend der Besten nur ein notwendiges Übel ist“

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