Forum Allmende
HOME    KONTAKT    IMPRESSUM

AUFSÄTZE

Hermann Kinder: Hymne auf einen Überlebensgroßen

Martin Walser 85: zu meiner Freude, zum Jubeln, zur weiteren Steigerung meines Respektes vor der herkuleischen Kraft dieses Autors. 85 das heißt: bald 60 Jahre ununterbrochen zu schreiben, aufzutreten, Reden zu halten, sich zu streiten, immer höchst präsent, klug, sprachkühn. An Martin Walser sind nur seine stolz unbeschnittenen Augenbrauen alt. Manchen sind nur wenige Lebensjahre vergönnt, anderen viele. Martin Walser hat seine vielen so energisch genutzt wie wenige.
 
Neulich hatte ich viel Zeit zu haben. Ich besah mir meine zwei Regalmeter Walser-Bücher und wählte, wovor ich mich am meisten fürchtete, weil ich mir nicht gewiß war, ob sich meine ersten intensiven, mich faszinierenden Walser-Lektüren als Schüler, dann als junger Germanist wiederholen ließen, „Die Halbzeit“ (1960). Sie hat sich wiederholt, eine ganze Woche lang. Erstaunt war ich, dass ich mich an fast nichts mehr sicher erinnerte. Grob an die Komposition. An Einzelheiten nur in wenigen Fällen. Der Grund dafür liegt – gerade in den frühen Romanen – in dem ungeheuren Malstrom von Sätzen, Figuren und Perspektiven, in dem ich bei Walser gerissen werde. In seinen Romanen verfolge ich weniger ein kompositorisch klares Großes und Ganzes, sondern werde mitgezogen in einen Energiestrom voller brillanter Sätze, voller satirischer Beobachtungen, voller zugespitzter Lebensklugheiten. Und das hat sich auch nicht geändert bei späteren, kompositorisch gezügelteren Romanen.
„Die Halbzeit“ ist, mehr noch als „Ehen in Philippsburg“ (1957), der erste gewaltige Kraftroman Walsers, von dem, sagt man, der Verleger einiges abgedämmt habe. Man kennt diese Bilder: Martin Walser schreibt wie im Rausch und wirft die handschriftlichen Blätter quasi Käthe Walser zu, die sie abschreibt. „Die Halbzeit“ ist ein Großkampf-Roman. Stets geht es bei Walser um den Überlebenskampf eines Subjektes, das, seiner Identität ungewiß, sich behaupten muss und will. Und immer wieder wird das erzählt mit Sätzen, die das von Buch zu Buch bestätigte Vermögen Walsers zeigen, das Innere nach außen zu kehren in Aphorismen, die zugleich klar und komisch abgründig sind. Besonders diese Sprachkunst hat meine Walser-Lektüre immer neu angestachelt; nie bin ich darin enttäuscht worden, wenn mich auch manche Romane mehr überzeugt haben als andere.
Zudem fesselt mich, wie Walser die großen Zeitthemen aufgreift und bearbeitet: soziale Strukturen, wirtschaftliche Abläufe, Herrschaftsverhältnisse, Geschlechterkonzepte, das letztlich ratlose, seinen Affekten ausgelieferte Ich. Darin waren mir die Romane Walsers stets aktuell. Was aber auch heißt, dass sie riskieren, an einem vergänglichen Zeitgeist zu kleben. Das Risiko ist gering. Das, was an der „Halbzeit“ Züge der 50er Jahre zeigt, sind nur Hüllen für zeitübergreifende Themen. Und die neuesten Romane Walsers, die sich nun mit Alter, Tod, Religion beschäftigen, sind zugleich aktuell und allgemein, weil sie die ethischen Defizite unserer Zeit und der Moderne überhaupt überhöhen. Eine jüngere Germanistik hat kritisiert, dass in den Nachkriegs-Romanen Themen verdrängt werden, zumal jüdische. Doch die "Halbzeit" erzählt auch von Susanne, einer erotisch begehrten Jüdin, deren eigene Geschichte und deren nichts verdrängenden Familiengeschichten so selbstverständlich und unverkrampft ausgebreitet werden, wie ich es von keinem anderen Roman der Gruppe 47 kenne. Der Vorwurf eines latenten Antisemitismus bei den Autoren der Flakhelfer-Generation trifft für Martin Walser nicht zu.

Walser Helden altern mit dem Autor. Das könnte zum Verdacht führen, seine Helden seien Spiegelfiguren, alter egos. Gewiss stellt sich gerade bei Walser die heikle und nicht definitiv beantwortbare Frage nach dem Verhältnis von Leben und Werk. Parallelen von Lebens- und Werkdetails helfen da nicht weiter. Mehr eine paradoxe Walser-Struktur, für die charakteristisch ist, dass in mitreißender Sprachkunst, mit intellektueller Analyse, überschäumender Imagination von Menschen erzählt wird, die zerrissen sind, Borderliner, die oft untergehen, denen Niederlagen zugefügt werden, die Depressionen haben und an Selbstmord denken. Die Kraft des Erzählers ist Schwachen gewidmet. Dem vergeblichen Dauerkämpfer Anselm steht in der „Halbzeit“ seine Frau Alissa gegenüber, die sich ins Schweigen, ins Tagebuch zurückzieht. Diese paradoxe Struktur dürfte etwas mit der Person Walsers zu tun haben. Er selbst hat die Dialektik seiner Struktur, seine Mangel-Theorie, kürzlich (2002) noch einmal so erläutert: „... dass ich immer auf einen Mangel reagiere; schreibend. Es handelt sich zwar um eine Formel, für mich stimmt sie aber. Ja, meine Muse ist der Mangel. Wenn die Welt so wäre, wie sie sein sollte, würde ich sicher nicht schreiben. Wenn man mich fragt, nun, und was ist denn dein Mangel?, dann sage ich: Das beantworte ich nur im Roman, das beantworte ich nicht am grünen Tisch“. Kraft und Kampf gegen und aus Leidenserfahrungen. Der Vermutung, Walser Romane seien tendenziell autobiographisch, widersprechen deutlich seine großen, aufwändig recherchierten Bücher wie „Seelenarbeit“ (1979), „Die Verteidigung der Kindheit“ (1991), „Finks Krieg“ (1996), „Der Lebenslauf der Liebe“ (2001). Und selbst die scheinbare Autobiographie „Ein springender Brunnen“ (1998) ist eine grandiose Versammlung topischer Motive, von Obsessionen, wie sie sich durch alle Fiktionen Walsers ziehen.

Kraft, Mut - auch im Politischen. Ich habe ihn das erste Mal erlebt, als er als Agent seines Einmann-Vietnam-Büros in der Singener Scheffelhalle aufgetreten ist (1967). Ich habe ihn erleben dürfen, als er sich wegen eines Gedichtes von Peter-Paul Zahl mit der Universität Konstanz anlegte (1977). Ich habe ihn wiederholt im Verband Deutscher Schriftsteller erlebt, als er sich, entgegen allen, die vor 1989 davon nichts hören wollten, zur deutschen Einheit bekannte.

Martin Walser ist ein uneitler Autoren-Geburtshelfer. Als „Patron“ der Bodenseeliteratur hat er zum Beispiel Maria Beig, Josef Janker, Arnold Stadler gefördert. Mein „Schleiftrog“ erhielt durch ihn seine Endgestalt. Er hat Gefangene zum Schreiben ermutigt: Wolfgang Werner etwa und eine verurteilte Mörderin, der er den Namen Ursula Trauberg gab („Vorleben“, 1970). Übrigens ein Beispiel für die dichten Verflechtungen bei Walser: Die Traubergstrasse spielt eine Rolle in „Ehen in Philippsburg“. Er hat die Dokumentarliteratur angestoßen (Erika Runge, „Bottroper Protokolle“, 1968). Bei einer vergessenen Autorin der Alternativ- und Frauenliteratur, Heidi Schmidt („die art zu leben“, 1974), ist zu lesen: „martin walser hat es gleich weiter an den t`intenfisch´ geschickt er fand es sehr gut er ist sehr sehr lieb er antwortet mir immer und sagt mir was dazu ich brauch das“.

Ein Letztes: Käthe, Pianistin, und Martin Walser, Schriftsteller, haben vier Töchtern zu einem Leben mit und in Kunst verholfen, trotz der elterlichen Vorbelastung. Auch dies ist bewundernswert. Applaus. „Soso. Das sagen Sie, mein Lieber“. (Zeit-Interview, 9. 10. 2011).

<< zurück