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AUFSÄTZE

Jochen Greven: Ach, Sie wohnen am Bodensee?

Ja, wenn ich Ihnen das mal erklären darf: Von dieser sogenannten Höri hatte ich noch nie gehört, bis mir damals dieser Kollege davon erzählte, H. war das, mit dem ich ein paar Jahre in München zusammengearbeitet hatte, der aber eigentlich aus Oldenburg kam. Weil ich doch nun oft in Zürich zu tun haben würde, meinte er, und ich wollte es sowieso gern mal mit dem Landleben probieren, so als Freiberufler jetzt und auch der Kinder wegen – also, da wäre das vielleicht doch genau das Richtige?

Ich bin ja von Haus aus Rheinländer und kannte den Untersee gar nicht. H. dagegen schon ein bißchen, nämlich weil seine Frau – die hatte er aber wiederum in Köln kennengelernt, wissen Sie, in der alten Buchhändlerschule – also weil die ihre Kindertage tatsächlich in Radolfzell verbracht hatte, und da gab es auch noch ihre Oma L., die wohnte in Öhningen an der Höristraße, und der sagten wir dann erst einmal guten Tag.
 
H. war nicht geradezu unglücklich über meinen Weggang, wo er doch in München meinen Job und unsere Wohnung erbte, und er fuhr deshalb mal herunter mit mir, nachdem D., der Übersetzer, den ich noch aus meiner Frankfurter Zeit kannte und der, wie mir eingefallen war, jetzt auch in diesem Öhningen wohnte, nachdem der mir also am Telefon erzählte, er habe da eine Anzeige gesehen, ganz zufällig, denn sein Nachbar sei verreist, und er hole sich den Südkurier, den er sonst gar nicht lese, aus dessen Briefkasten. Da sei im nächsten Dorf ein kleines Haus zu mieten.

D. meinte zwar gleich, das können Sie ja doch nicht bezahlen, in einer Seegemeinde. Aber irgend wie ging es dann gerade noch. Der Hausbesitzer wohnte übrigens in Stuttgart und stammte eigentlich vom Niederrhein, aber er hatte mal den Zoll hier unten geleitet. Er hätte nur eigentlich lieber jemanden gehabt, der länger als zwei Jahre bleiben wollte, aber: Na gut! Und so sind wir im März in Wangen auf der Höri gelandet, ganz oben am Hardtbühl. Wenn man sich auf die Zehen stellte, erblickte man sogar den See.

Unser Ältester, er war acht, ging vors Haus und sagte zu den Buben, die er da sah, irgend was auf bayerisch, "hoast du für mi oa son Stecken" zum Beispiel. Wie ihn die drauf anschauten, das ließ ihn erst einmal verstummen, aber nach zwei Wochen fing er an, au scho e wäng z'schwätze wie d'andere. Der Junge schien sprachbegabt. Beim Zweiten, fünf war der, dauerte es länger. Dafür begann er eine Menge Dreck und biologische Kenntnisse heimzubringen, weil er sich ständig in den Ställen von zwei, drei Höfen da unten herumtrieb. Und die Kleine, die erst drei war, verliebte sich in den Josef, das war ein Knäblein aus der Nachbarschaft.

Ich genierte mich im Dorf ein bißchen, weil wir so fremd waren und weil wir, immer daheim, scheinbar nichts schafften. Wir grüßten nur ganz vorsichtig und stiegen lieber auf den Hügel hinter dem Haus, sagten von da oben: Gott, wie ist das schön hier. Hin und wieder kamen auch Freunde oder Verwandte vorbei, die meinten, so gut müßte man's haben, ist das ein Leben – wie Ferien das ganze Jahr! Nur, eigentlich hatte ich doch ungefähr sieben Tage die Woche zu tun, am Schreibtisch eben statt im Stall oder auf dem Feld, und meine Frau auch, die alles abschrieb, auch noch die ganze Korrespondenz vom Band. Und wovon die übernächste Miete bezahlt werden sollte, wußte ich trotzdem nicht immer.

Die Leut‘ im Dorf waren in Wirklichkeit sehr gutmütig und fragten nichts, die hatten sich längst gewöhnt an solche wie uns. Die Kinder gingen bei ihnen ein und aus, als wenn sie schon immer dagewesen wären. Was uns auffiel, war überhaupt der freundliche Umgangston, verstehen Sie, bei den Nachbarn, auch auf der Post, im Laden oder im Gemeindebüro. Sogar auf dem Finanzamt in Singen war der Mann richtig nett, er freute sich, einen Schriftsteller unter seinen Klienten zu haben, und war stolz, mir helfen zu können, Steuern zu sparen. Ich war ja nun schon etwas herumgekommen, aber noch nirgendwo hatte ich mich so – wie sagt man doch? – angenommen gefühlt. Nach einer Weile lernten wir in der Gegend auch ein paar Menschen kennen, mit denen man nicht nur übers Wetter und über die Kinder reden konnte. Es wurden bald mehr, man war ja noch jung und neugierig und festete gern, können Sie sich wohl vorstellen. Viele von den anderen waren ursprünglich auch gar nicht vom See, nur vielleicht schon länger da oder sogar schon hier geboren oder irgendwo im Umland. Man bewegte sich also oft zwischen den Orten, so in dem Dreieck zwischen Schaffhausen, Tuttlingen und Konstanz. Dauernd war irgendwo etwas los, Ausstellungen, Musik, Feste, Einladungen zum Essen. Oder schon wieder die Fasnacht. Das ist ja eine richtige "IG Lebensgenuß", sagte ich zu meiner Frau, und die Freunde waren wirklich nett und auch sehr wach und interessiert. Dazu der Wein, und dann eben die Grenze: die reizte einen, hinüber und herüber zu wechseln, die Unterschiede zu schmecken und zu vergleichen, auch das, was da getrennt lebte, in aller Unbefangenheit zusammenzubringen. Was haben wir manchmal gelacht über die Fremdelei von gewissen Alteingesessenen!

Z'Wange blit mer hange, heiße es, hatte uns eine eingeborene Freundin gewarnt. Was soll ich sagen – es ging bei uns dann tatsächlich schon ins vierte, ins fünfte, ja ins sechste Jahr. Den Schiener Berg hatte man kreuz und quer begangen, war immer wieder durch das gleiche Tobel und über denselben Bühl gelaufen, hatte da oben die schönsten Ausblicke gesucht, im Schnee, im explodierenden Grün, an warmen Sommermorgen, an solchen klaren Herbst- oder an frostigen, nebligen Wintertagen. Und nachts im Bett hörte man vom Schweizer Seerücken herüber das Bimbam der Kuhglocken oder den Zug, der da das Ufer entlangfuhr. Die Landschaft so sanft und tröstend, manchmal tat sie auch fast weh in ihrer Schönheit.

Aber ich habe sie doch immer nur als eine Geliebte auf Zeit umarmt. Es tat schon allzu gut, in sie heimzukehren von einer Reise. Das war gefährlich, wissen Sie, ich hatte wirklich Angst, mich in dieser Idylle zu verliegen, wie die alten Ritter sagten, während ich mich ständig nur weiter von einem Projekt zum nächsten forthangelte, mit diesem schon ganz neurotisch gewordenen Verhältnis zu Briefträger und Telefon. Die Arbeit, wegen der ich heruntergezogen war, war doch eigentlich längst getan. Irgendwann mußte ich wieder zurück, heim in die Großstadt, in den Betrieb, an die heißen Quellen der Information und die Umschlagplätze der Meinung. Vor allem jedenfalls in einen geregelten Verdienst. Und endlich ergab sich dann auch etwas. Die Familie war allerdings unglücklich darüber, wollte es kaum einsehen. Und aus der Ferne, das wäre sicher bei andern auch so gekommen, meinen Sie nicht, hat sich dann der See zum verlorenen Paradies verklärt. Selbst für mich, das gebe ich ja zu. Natürlich ist man für ein paar Tage wiedergekehrt alle Jahre, oft mehrfach, sogar die Kinder irgendwann ganz für sich. Das machte es nur noch schlimmer: Kurzbesuche als reisender Gast, alte Freunde nach langer Zeit auf einen Abend wiedersehen, vertraute Wege noch einmal begehen und dabei Erinnerungen nachhängen. Und die Zeit nagte doch, fraß unerbittlich. Jedesmal waren Veränderungen festzustellen, Verluste, irgendwann mußte man schon Tote betrauern, liebe Menschen, die unersetzlich waren. Die Höri von früher schien immer mehr auf einem anderen Stern zu liegen, zumindest in einer anderen Zeitsphäre.
Gut zwanzig Jahre wurden es am Ende, und bei uns auch schon wieder mit zwei Ortswechseln dazwischen. Übrigens sind wir – komisch, nicht? – zwischen zwei Großstädten gependelt, die dabei so etwas wie Pole bildeten: die, aus der wir gekommen waren, und die andere, in der wir schließlich dreimal angesetzt hatten, zu Hause zu sein. Dazu Umstiege im Beruf, Enttäuschungen und Erfolge, ein Hausbau, neue Freunde. Gute Zeiten, auch allerlei Krisen, das Übliche. Die Kinder wurden erwachsen und lösten sich nach und nach, und man selbst war auf einmal alt geworden.

Eines Tages dann, den Ausstieg vor Augen, die großartige Freiheit der Wahl, zum erstenmal im Leben: Wo möchtest du nun hin? Na, wieder an den See natürlich, wundert Sie das? Und um ihn diesmal womöglich zum Hafen werden zu lassen, zum festen Anlegeplatz. Verspätete Heimatsuche, oder so ähnlich. Es tat gut, dabei wiederanknüpfen zu können. Man kennt sich halt ein bißchen aus, trifft Leute an, die man all die Jahre gern mochte oder neu schätzen lernt, und der Rahmen, also die Landschaft, der See, auch die belebende Grenze, das alles ist so schön wie eh und je.

Im übrigen freilich: Bleiben wir realistisch, eine Zeitreise rückwärts gibt es nicht. Es hatte sich hier vieles verwandelt (ich sage gar nicht: verschlechtert). Die Dörfer haben ein neues Gesicht bekommen, die Menschen ebenso. Der Ver¬kehr hat zugenommen, die Kommunikation läuft anders, auch die Politik, die Verwaltung. Selbst die Felder und die Obstanlagen, ja sogar die Wälder sehen anders aus. Außerdem wohnen wir nicht mehr im selben Ort wie damals. Und wir, sind wir etwa noch dieselben? Natürlich nicht, da war so viel inzwischen. Man ist stiller geworden, lebt zurückgezogen, hat auch nicht mehr das Gefühl, da draußen in der anderen, großen Welt viel zu verpassen.

Gehören wir jetzt einfach zur Rentnergesellschaft? Ruhesitz am See? Nun ja, schon, aber – man kann doch trotzdem noch einmal anfangen, etwas aus sich und mit sich zu machen. Sachen, die man immer hatte aufschieben müssen. Oder auch einmal etwas ganz Neues. Ohne große Illusionen natürlich. Aber viel lieber an diesem Fleck hier als irgend anderswo. Das ist es, verstehen Sie mich?

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